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Pink Christmas 6 aus dem Himmelstürmer Verlag

Bereits zum sechsten Mal bringt der Himmelstürmer Verlag seine queeren Weihnachtsgeschichten heraus und dieses Mal auch mit einer Kurzgeschichte von Hagen Ulrich über Eifeler Werwölfe.

Pink Christmas 6, eine Sammlung queerer Kurzgeschichten zu Weihnachten
Pink Christmas 6, eine Sammlung queerer Kurzgeschichten zu Weihnachten

Der Bio- und Sport-LK einer Schule verbringt in der Adventszeit mehrere Wochen in der Eifel, um das Wolfsmanagementprogramm der Länder zu erkunden. Der Bonner Biologe Carsten Schüller, selber früher Schüler an dieser Schule, erkundet in der Gegend um Ahrbrück den Wolfsbruch. Er soll im Auftrag der Universität herausfinden, ob es in dieser Gegend genügend Wildtiere gibt, sollte ein Wolfsrudel sich den Nationalpark Eifel als Revier aussuchen.

Die wenigen Bewohner des Weilers Wolfsbrück sind nicht begeistert, als Carsten Schüller beginnt Kameras zu installieren und sich immer intensiver mit dem Bruch beschäftigt. Sie erzählen alte Geschichten von verschwunden Arbeitern und getöteten Rückepferden, die bis in die Kriegszeit zurückreichen, als rumänische Zwangsarbeiter im Sägewerk geschunden wurden. Einer der Arbeiter entkam, doch der Biologe ignoriert die Geschichten.

Dann queren die Schüler des Landschulheims auf dem Rückweg vom Weihnachtsmarkt in Adenau den Wolfsbruch. Es ist Vollmond und der Biologe sieht auf seinen Wildbeobachtungskameras, wie den Schülern etwas folgt. Etwas, das es gar nicht geben dürfte.

Pink Christmas ist als Taschenbuch und ebook im -> Himmelstürmer Verlag erhältlich. Weitere Geschichten aus dem 240 Seiten Taschenbuch stammen von den Autoren:

  • Martin M. Falken
  • Marc Förster
  • Hans van der Geest
  • Berron  Greenwood
  • Christian Kurz
  • Hagen Ulrich
  • Paul Senftenberg
  • Kai Steiner
  • Uwe Strauß

Leseprobe aus „Eifelwölfe“

In der Dorfkneipe hatte man Carsten schräg angesehen, als er eines Abends dort auftauchte. Wäre er in Köln, würde diese Kneipe – heruntergekommene Kaschemme träfe es besser – seine Aufmerksamkeit gar nicht erst erregt haben, aber die hochtrabend als ‚Deutscher Hof‘ bekannte frühere Poststation aus des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation glorreicher Geschichte hier war weit und breit die einzige Möglichkeit, etwas anderes als Wildschweine, Rehwild, Schafe und Vögel zu sehen.

Carsten hatte halb damit gerechnet, mit „Hey Fremder, was darf es sein?“ begrüßt zu werden. An der Theke standen drei alte Männer und hielten sich an Biergläsern fest. Ihr Gespräch war verstummt, als er den Raum betat.

An einem Tisch im Halbdunkel der Kneipe saß ein Mann und verzehrte schweigend sein Essen. An einem weiteren Tisch tagte eine Skatrunde. Alle hatten zerfurchte Gesichter und waren mit Sicherheit jenseits der Siebzig, und auch der Wirt hinter der Theke sah so aus, als gehörte er schon ewig dazu.

Ein oder zwei Mal die Woche kam Carsten her, um am Abend wenigstens die Illusion menschlicher Gesellschaft zu haben. Gelegentlich brachte er ein paar Unterlagen und sein Laptop mit, manchmal auch ein Buch, um während des Essens zu lesen oder etwas zu arbeiten.

„Guten Abend“, grüßte Carsten, als er an diesem Abend den Deutschen Hof betrat. Er hatte einen langen Tag hinter sich und wollte noch ein paar Daten verwerten.

Der Wirt brachte ihm das Standardgericht, ein Jägerschnitzel mit Pommes und ein Bier.

„Danke Jupp.“

„Was macht die Arbeit?“

„Geht so.“

Der Wirt nickte, dann sah er auf den Kartenausschnitt, den Carsten ausgebreitet hatte und stutzte.

„Was machen Sie denn da eigentlich?“

Carsten sah auf, während er in das Schnitzel schnitt.

„Ich habe ein paar Wildwechsel markiert, und dort Wildkameras aufgestellt. Warum?“

„Keine gute Gegend da am Bruch. Sollte man nicht hingehen“, brummte Jupp und verzog sich hinter die Theke.

„Ist nur ein bisschen schlammig dort“, meinte Carsten und zuckte mit den Schultern, um sich wieder in seine Karten zu vertiefen und beiläufig in den Pommes zu stochern. Zwischenzeitlich schweiften seine Gedanken ab, und er dachte frustriert an die aufkommende Weihnachtszeit. Morgen ist der erste Advent und ich sitze hier im Outback von NRW, während mein Junge mit seiner Mutter und ihrem neuen Macker rumhängt. Er seufzte.

Seine trüben Gedanken wurden unterbrochen, als ein scharrendes Geräusch ertönte und der Tisch sich sachte bewegte. Ein Kölschglas wurde abgestellt und er schaute hoch.

Einer der alten Herren aus der regelmäßig tagenden Runde der Skatspieler war herübergekommen und hatte Platz genommen, um ihn forschend anzublicken.

„Äh … hallo“, grüßte Carsten verwundert. Werde ich jetzt in die Dorfgemeinschaft aufgenommen? Nach fünf Monaten nimmt man mich wahr. Immerhin.

„Es geht mich ja nichts an“, begann der Alte langsam.

Stimmt, dachte Carsten amüsiert.

„Aber vom Bruch sollten sie sich fernhalten. Es ist gefährlich dort.“

„Hat man deshalb die Wege so verbarrikadiert?“

„Sind Sie etwa darüber geklettert?“, fragte sein Gegenüber und jetzt verstummten die wenigen Gespräche an den anderen Tischen und Carsten fand sich im Focus der Aufmerksamkeit.

„Hören Sie, ich erfasse nur den Wildtierbestand in der Gegend für mein Institut und das Umweltministerium in Düsseldorf. Sonst nichts.“

„Sind Sie darüber geklettert?“, wiederholte der alte Mann und Carsten glaubte einen Moment, Panik in dessen Augen aufflackern zu sehen.

„Ja natürlich, ich habe begonnen, dort an dem kleinen Tümpel und den Wildwechseln ein paar Kameras aufzustellen, um festzustellen, welche potenziellen Beutetiere für Wölfe hier in der Region vorkommen. Hören Sie, wir haben nicht vor, hier Wölfe anzusiedeln. Das Ministerium will nur wissen, ob es genug Beutetiere gibt, falls – und ich betone falls – Wölfe auftauchen. Es ist früher oder später damit zu rechnen“, sagte Carsten und spulte seinen Standardvortrag über das bundesweit laufende Wolfsmonitoring ab. Zum ersten Mal glaubte er, die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu haben. Es schien, als würden ihm die wenigen Dorfbewohner aufmerksam lauschen.

Als er verstummt war, war sein Jägerschnitzel kalt geworden.

„Sind Sie denn mit dem Aufstellen der Kameras fertig?“

„Ich will morgen und übermorgen noch weitere Kameras anbringen und die Akkus kontrollieren“, erklärte er. „Wer will, kann gern mitkommen.“

Transparenz gehört dazu, sonst glauben die Dörfler noch, wir würden wer weiß was machen, dachte Carsten. Die anwesenden Eifler warfen sich nervöse Blicke zu.

„Hören Sie, Sie sind ein netter junger Mann. Ich erzähle Ihnen jetzt etwas, und Sie können danach entscheiden, ob Sie weitermachen oder es sein lassen“, hub der Alte an, nachdem er einen Blick in die Runde geworfen hatte und überall ein kurzes Nicken zu sehen war. „Sie kennen das alte Sägewerk auf dem Weg nach Ahrbrück?“

Carsten nickte. Er war auf seinen Streifzügen an dem halbverfallenen Werk vorbeigekommen.

„Mein Großvater, mein Vater und auch ich haben dort gearbeitet, als es noch aktiv war. Wir gingen ins Holz, schlugen Bäume und daraus wurde dann Bauholz gemacht. Einige Tischler und Zimmerer wurden mit guter alter Eiche, Fichte und Buche beliefert. Es war harte Arbeit, aber es war gute Arbeit. Doch vor zwanzig Jahren wurde es geschlossen.“

Er machte eine Pause.

„Es ist so, dass in dem Werk nicht nur Ortsansässige gearbeitet haben“, sagte der alte Mann und Carsten schien es, als ob ihm das unangenehm war. Dann straffte der Alte seine Schultern und seufzte, als er fortfuhr. „In der Nazizeit wurden auch Zwangsarbeiter aus Rumänien dorthin abgestellt und mussten dort schuften. Manche kamen dabei um. Keine schöne Geschichte.“

„Natürlich nicht, aber was hat das mit dem Bruch zu tun?“

Der Alte beugte sich vor, um ihn noch eindringlicher anzusehen und im Schankraum war es totenstill. Selbst Jupp hatte mit dem Polieren der Gläser aufgehört und lehnte an der Theke.

„Einige der Zwangsarbeiter versuchten zu fliehen, manche wurden ergriffen und erschossen. Keine schöne Sache. Aber einem jungen Mann gelang die Flucht und danach fing es an.“

„Was fing an?“

„Holzfäller verschwanden spurlos, immer mehr, kräftige junge Männer, denen man so leicht nicht hätte beikommen können. Und das Werk fand immer weniger Arbeiter, die noch dort arbeiten wollten. Junge Leute gingen weg, studierten und fanden besser bezahlte Arbeit. Zurück sind nur wir geblieben.“

Er wies mit dem Arm in die Runde der Anwesenden.

Der will mich verarschen, dachte Carsten unwillig. Was interessieren mich die Leichen, die die hier im Keller herum liegen haben?

„Hören Sie, das ist traurig, aber was hat das mit dem Bruch zu tun?“

„Der Bruch hat einen der besten Baumbestände der gesamten Hocheifel. Es ist dort kalt, die Bäume wachsen langsam und das Holz ist sehr fest. Wenig Astlöcher, gute Fasern, die Häuser und Möbel, die aus dem Holz entstanden sind, halten ewig“, erklärte der Alte geduldig. „Für das Holz aus dem Bruch wurde gut gezahlt und deswegen gingen wir immer wieder dort hin, um Holz zu schlagen.“

„Schön. Und?“, fragte Carsten und betrachtete verdrossen sein kaltes Essen. Die Jägersauce war eingedickt und die Pommes fielen in sich zusammen. Er schob den Teller von sich weg.

„Ich hatte zwei Freunde, und wir sind immer zusammen in den Bruch gegangen. Haben uns gegenseitig geholfen, unsere Häuser zu bauen. Es waren starke Kerle, denen man nichts vormachte. Wißt ihr noch?“

„Jo, Hannes war ein Baum von einem Mann“, pflichtete einer der Gäste bei. „Der konnte seine Rückepferde auch aus dem Wald tragen, wenn die nicht mehr konnten.“

„Und sein Vetter Adi auch, erinnert ihr euch noch, wie er mit dem Stamm das Fenster vom Schirrmacher Alfons eingeworfen hat? Der Stamm flog vorn rein und ging quer durch das Wohnzimmer. Danach hat es Alfons nie wieder gewagt, einen Blick auf Adis Schwester zu werfen.“

Ein verhaltenes Lachen ging durch die Runde. Na prima, dachte Carsten, es gab hier Wettbewerbe im Baumstammwerfen. Hatte immer gedacht, das gäbe es nur in Schottland.

„Jedenfalls, fuhr sein knorriges Gegenüber fort, sind wir eines Tages in den 80ern in den Bruch gegangen, um zu schauen, welche Stämme reif waren. Wir hatten einige Stämme mit Kreide markiert, und es wurde schon dunkel, als wir uns auf den Heimweg machten. Aber der Mond schien hell, es war Winter und der Schnee reflektierte das Mondlicht. Die Pferde waren unruhig und wir wunderten uns, denn unsere Pferde, gute rheinisch-deutsche Kaltblüter, brachte kaum etwas aus der Ruhe.“

„Wie hieß Adis Hengst noch?“, überlegte Jupp. „Gurke hatte er ihn getauft, als er ihn bekam. Das hatte seinen Grund.“

Wieder verhaltens Lachen in der Runde, doch der alte Mann an Carstens Tisch fuhr unbeirrt fort.

„Wir haben ein Heulen gehört, das durch Mark und Bein ging. Und Gurke wurde immer nervöser. Schließlich konnte selbst Adi ihn nicht mehr halten. Der Gaul ging durch und brach durch das Gestrüpp. Nichts hält ein Rückepferd von einer Tonne Gewicht auf, wenn es in Panik gerät und durchgeht. Adi rannte hinter ihm her und wir hörten, wie er versuchte, sein Tier zu beruhigen. Selber waren wir mit unseren Pferden beschäftigt und konnten ihm nicht helfen.“

Okay, das wächst sich zu einer Schauergeschichte aus, ahnte Carsten ergeben. Ich höre einfach weiter zu. Der Abend ist ja sowieso gelaufen.

„Als wir unsere Pferde beruhigt hatten, lauschten Hannes und ich in den Wald. Wir hörten weit entfernt Adis Schimpfen und den Lärm, den Gurke machte. Und dann ging Adis Schimpfen in Schreie über. Ich habe noch nie einen Mann so verzweifelt schreien gehört. Gurke schrie ebenfalls, und dann war plötzlich alles still. Hannes und ich sind sofort ins Dorf und haben Hilfe geholt, alle waren auf den Beinen und wir haben den Wald mit Laternen und Lampen durchsucht. Der Jagdpächter schickte seine Waldarbeiter und aus Adenau kamen Polizisten. Aber wir haben von Gurke und Adi nichts gefunden. Nur Blutflecken, Adis Hemd und ein paar zerrissene Gurte.“

„Hören Sie, das tut mir sehr leid um Ihren Freund“, sagte Carsten und meinte das ehrlich, „das ist eine sehr tragische Geschichte. Ich will nicht ausschließen, dass ein Wolfsrudel es geschafft hat, das Pferd zu überwältigen. Vielleicht hatte es sich und auch Adi verletzt, als es durchging, aber normalerweise verhalten Wölfe sich nicht so.“

„Das ist richtig, normale Wölfe verhalten sich nicht so. Es war auch kein besonders harter Winter. Es gab genug Wild damals. Aber einige Jahre später war ich als Treiber bei einer Wildschweinjagd dabei. Wir hatten einen kapitalen Keiler aufgestört und er flüchtete in den Bruch. Sie wissen, wie gefährlich ein Keiler sein kann.“

Carsten nickte. Wildschweine waren hochgefährlich und griffen an.

„Der Keiler lief zuerst in den Bruch, und dann drehte er um und kam auf uns zu. Er ließ sich nicht bremsen und rannte mich um. Ich habe seine Hauer zu spüren bekommen, aber das war nicht alles. Er floh vor etwas, und das habe ich flüchtig zu sehen bekommen. Etwas, das so gefährlich war, dass das Wildschwein es riskierte, durch unsere Reihen zu brechen.“

„Und was haben Sie gesehen?“

„Es war groß und rannte auf allen vieren. Über und über behaart und es hat mich kurz angesehen. Ich habe sein Gesicht gesehen und seine Augen. Und diesen Anblick werde ich nie vergessen. Es waren Augen, die rot im Dunkeln glühten. Ich hob meine Hände, um ihn abzuwehren. Es knurrte mich wütend an, setzte dann aber dem Wildschwein hinterher.“

„Was war es denn nun?“, fragte Carsten und ahnte so langsam, was da auf ihn zukam. Er versuchte, ernst zu bleiben. „muss ich mir silberne Kugeln besorgen? Oder einen Hirschfänger mit silberner Klinge?“

Der alte Erzähler ließ mit keiner Miene erkennen, dass er es anders als todernst meinte.

„Es war wieder Vollmond. Der Mond war früh aufgegangen und ich habe etwas gesehen, was weder Wolf noch Mensch war. Irgendetwas dazwischen. Ich glaube, dass meine Ringe ihn abgehalten haben. Diese Ringe sind aus Silber.“

„Auf gut Deutsch heißt das also, dass im Bruch ein Werwolf haust“, faßte Carsten das Gehörte zusammen. „Und Sie glauben wirklich, dass ich Ihnen das abnehme? Sagen Sie doch einfach, wenn ich hier nicht erwünscht bin und abhauen soll.“

Carsten sah sich um und blickte überall nur in harte Gesichter, die ihm zunickten.

„Sie sind ein netter junger Mann, und es will Sie niemand vertreiben“, versuchte der Wirt, ihn zu beschwichtigen. „Auch wenn wir nur einfache Eifler sind und mit Wissenschaft nicht viel zu tun haben, so haben doch einige von uns etwas gesehen und erlebt, was Sie hoffentlich nicht sehen werden. Halten Sie sich vom Bruch fern, besonders in Vollmondnächten.“

„Danke für den Tipp, aber ich neige nicht dazu, um Mitternacht im Wald umherzulaufen. Das ist mir zu kalt“, entgegnete Carsten höflich. Wahrscheinlich brennen da noch einige schwarz und wollen damit nicht erwischt werden.

Der alte Mann stand auf und schien ehrlich erleichtert, als er Carstens Antwort hörte. Jupp kam an den Tisch und nahm das kalt gewordene Essen weg.

„Ich werde Ihnen etwas anderes zubereiten. Das geht aufs Haus“, bot der Wirt freundlich an. „Soll niemand sagen, dass unsere Gäste schlecht bedient werden.“

„Danke, das ist nett.“

Carsten widmete sich erneut seinen Karten und trug die GPS-Koordinaten der aufgestellten Kameras und Lauschgeräte ein. Bald kam das Essen, das er hungrig verzehrte. Danach setzte er sich auf sein Motorrad, um die wenigen Kilometer aus dem kleinen Ort zu dem alten Forsthaus zurückzulegen. Die Luft war kalt und er war froh, dass er seine warme Lederkombination trug.

Scheiß auf den Ritter auf weißem Pferd, ich will einen Vampir mit Volvo!

Ich schreibe im Bereich Gay Fantasy. Mir macht Fantasy Spaß, und die Idee, darüber nachzudenken, was wäre, wenn es die mehr oder weniger netten mythischen Wesen gäbe. Wie kämen sie mit ihren spezifischen Bedürfnissen zurecht, wären sie integrierbar und was manifestiert sich in diesen Vampiren, Werwölfen, Dschinnen und Dämonen?

Zum Schreiben kam ich nach dem Besuch einer Ladys Night Twilight. Ernsthaft! Es war eigentlich ein Versehen, ich hatte via Internet für zwei Freunde und mich Karten besorgt und nicht wirklich darauf geachtet, was der Charakter dieser Vorstellung war.

Böses Blut der Vampire erscheint als Graphic Novel zur Leipziger Buchmesse
Böses Blut der Vampire erscheint als Graphic Novel zur Leipziger Buchmesse

Wir betraten gegen zehn vor acht Uhr den Kinosaal; ungefähr 400 Mädels starrten uns an und ihnen stand die Frage ins Gesicht geschrieben: „Was wollen die Kerle hier?“

Ein paar Männer waren auch anwesend, ich schätze, als Strafe für irgendwelche Fußballorgien im Wohnzimmer. Sie litten sichtlich.

Als Kerl beugt man sich der Übermacht natürlich nicht und ein kurzer Seitenblick zu meinen Freunden sah stillschweigende Zustimmung. Das ziehen wir jetzt durch.

Und wir haben es genossen. Vierhundert Mädels im Alter zwischen 15 bis 50, völlig außer Rand außer Band, wenn Werwolf und Vampir auf der Bühne ihr Sixpack oder melancholisches Dauerleiden spazieren führten. Quietscher, Aaaahs und Oooohs aus den Team Jacob und dem Team Edward. Die Mädels standen kurz vor dem Eisprung. Und das ist jetzt nicht böse gemeint, ich fand es herrlich.

Ich will einen Vampir mit Volvo!

Der Höhepunkt aber war die Pause.  Sektempfang für die Mädels! (Warum gibt es eigentlich keinen Jungs-Night?) Man stand an den Tischen, schwärmte und tauschte sich aus. Wir amüsierten uns über die fassungslosen Gesichter der männlichen Begleiter.

Dann gab es einen kurzen Moment, wo der Umgebungslärm sich etwas verringerte. Und in genau diesem Moment floß folgender Satz ziemlich laut und vernehmlich durch die Menge der Anwesenden: „Scheiß auf den Ritter auf weißem Pferd, ich will einen Vampir mit Volvo!“ Gefolgt von einem zustimmenden Seufzer aus vierhundert weiblichen Kehlen

Ich hab mir vor Lachen  – insbesondere als ich die entsetzten Gesichter männlicher Begleiter sah – fast in die Zunge gebissen. Und das war der Moment, wo ich überlegte, selber zu schreiben.

In Erinnerung an mein lang zurückliegendes Politik- und Orientalistikstudium ließ ich mir die Figur eines schwulen Vampirs aus Marokko einfallen, den ich mit seiner Schwester als Gaststudenten in eine Godesberger Familie versetzte. Ein paar Kapitel als Entwurf, mal so als Spaß geschrieben, und an Verlage geschickt. Dem Himmelstürmer Verlag gefiel es und dort erschien dann Hochzeit der Vampire, mittlerweile in zweiter Auflage erhältlich und Beginn einer mehrteiligen Reihe von Urban Fantasy Romanen.

Treffen mit Dr. Carlisle Cullen

Peter Facinelli im BAfMW-Dienstwagen
Peter Facinelli im BAfMW-Dienstwagen

Mit Peter Facinelli, dem Darsteller des Dr. Carlisle Cullen, hatte ich dann vor einigen Wochen das Vergnügen, quasi back to the roots zu kommen. Ich traf ihn während eines Events und war mit ihm in unserem Dienstwagen auf der Autobahn unterwegs.

Meine Handlungen spielen immer regional in Bonn mit Ausflügen nach Marokko, denn ich habe mich schon lange gefragt, warum Fantasyromane seit einiger Zeit in den USA spielen müssen. Die Bonner Uni, das frühere Dipolmatenviertel, aber auch das sächsische Plauen, welches in Böses Blut der Vampire eine wichtige Rolle spielt, bilden den Hintergrund meiner Bücher.

Mit Eifelwölfe entsteht gerade ein neuer Roman, den ich zur Leipziger Buchmesse als Graphic Novel am Stand des Bundesamtes für magische Wesen vorstellen werde, ebenso die auch als Graphic Novel erscheinende zweite Auflage von Böses Blut der Vampire. An der Gay Book Fair nehme ich ebenfalls mit dem Bundesamt für magische Wesen teil.

 

Steffen Marciniak, Autor aus Berlin auf der Gay Book Fair 2016

In Stralsund geboren begann er bereits in Jugendjahren mit dem Schreiben in unterschiedlichen literarischen Gattungen. Die Dichter Albert H. Rausch und Stefan George sind seine Vorbilder. Seit 1988 lebt er in Berlin, studierte Kulturwissenschaften, arbeitete in Buchhandel und Antiquariat sowie als Lektor. 2010/11 lebte er in Peru und auf den Philippinen. Dort begann er mit der Arbeit an einem unvollendeten Roman, die eine Quelle bietet, aus der und in die viele seiner Dichtungen fließen. Insbesondere sind das die seit 2014 erscheinenden „Ephebischen Novellen“ im Aphaia Verlag, die als Nonalogie angelegt sind. Oft wenig bekannte Figuren der griechischen Mythenwelt stehen im Zentrum der Geschichten, die von verschiedenen Künstlern illustriert erscheinen:

– „HYLAS oder Der Triumph der Nymphe“, 2014,

– „KYPARISSOS oder Die Gabe des Orakels“, 2015,

– „PHAETHON oder Der Pfad der Sonne“, 2016.

In der Anthologie „Griechische Einladung in die Politik“ erschien 2015 im Größenwahn Verlag:

– „HARMODIOS und ARISTOGEITON oder Das Ende der Tyrannis“. Weitere Beiträge sind Essays bzw. Lyrik in Anthologien des Verlags Mikrotext und des Lorbeer Verlags.

2016 übernahm Steffen Marciniak die Gestaltung und Moderation von vier Gesprächsrunden der „Karlshorster Abendgesellschaft“. Er ist Mitglied der Klaus Mann Initiative Berlin e.V. und  Mitorganisator des Griechisch – Deutschen Lesefestivals.

Im Internet findet man bei facebook seine Autorenseite: www.facebook.com/steffenmarciniak

Dichterworte zum „HYLAS“:

Der Halbgott Herakles verliebt sich in den zarten wie schönen Tyrannensohn Hylas, der während der Argonautenfahrt beim Wasserholen von der liebeswütigen Nymphe Dryope geraubt wird, womit sich ewig brennende Sehnsucht in die Brust des suchenden Freundes senkt. Steffen Marciniak erzählt diese zwischen den Göttern, Elementen und Geschlechtern taumelnde Liebe ohne jede süßliche Anakreontik. Seine Novelle ist voller Schlachtengeräusch und Gefühlsschauer, seine Sprache fein verästelt und doch immer kraftvoll. Der Mythos lebt.

Martin A. Völker

 

Den „Hylas“ las ich mit großer Freude an der eigenwilligen Sprachform und dem schönen Thema. Viel griechische Mythologie wird verarbeitet und gedeutet, aber man spürt, dass da ein innerer Bezug besteht und es kein modisches Klappern mit antiken Sandalen ist.

Michael Speier

 

In poetisch klangvollendeter Sprache erweckt der Autor die Mythologie Griechenlands erneut zum Leben und reichert sie mit ganz eigenen Blickwinkeln an, welche die eigene Gedankenwelt, um bisher unbeachtete Möglichkeiten erweitern. Empfehlenswert, wenn man nicht scheu ist, eine bekannte Welt mit neu geöffneten Augen zu sehen.

Alexander Günther

 

Ich gebe zu das ich zu Beginn skeptisch war. Es ist oftmals heikel, wenn Autoren von heute sich an die ganz alten Sachen trauen. Wenn dann der Anspruch besteht das Werk sprachlich ebenfalls dieser alten Epoche anzugleichen, ist es ein Spiel mit dem Feuer. Hier ist dies total gelungen. Ich bin fasziniert und freue mich auf weitere Bände. Unabhängig vom Inhalt möchte ich hier die Ausstattung loben, wunderschön! Insgesamt wirklich ganz, ganz toll und nur zu empfehlen. Ich hebe beide Daumen hoch und ziehe meinen Hut für dieses Können!

Matthias Bünemann

 

Dichterworte zum „KYPARISSOS“:

 

Feiner schwingende Beziehungen tragen die Hauptfabel; Steffen Marciniak widmet sich immer wieder der Schilderung von Seelen-Erlebnissen; hier vermag er Treffliches hervorzuholen. Über

die Beschreibung von manchmal langen Gefühlsketten macht er damit erlebbar, was ein bloßes Kulturlexikon mit seiner ständig abkürzenden und substantivreichen Diktion nicht schafft. Er emotionalisiert antik-griechische Verhältnisse. Hier setzt der Dichter seine sehr eigenen Betonungen. Was Steffen Marciniak etwa darstellt – mehrfach und mit Inbrunst – : dass die Befindlichkeit seines Kyparissos, des jungen Epheben, unmerklich aus einem als normal anzusehenden Wachzustand übergehen kann in den Traumzustand. Und dass aber das Zurück aus dem Zustand Traum nicht durch solche Unmerklichkeit gekennzeichnet ist, sondern durch eine als abrupt erlebte Änderung. So bringt Steffen Marciniak den Umgang eines Menschen mit dem Gotte zusammen, so zeichnet er die Berührung eines irdischen Mannes mit dem Göttlichen;

und er versieht dabei trotzdem noch – sehr sympathisch – dieses Eintauchen in den jeweils anderen Daseins-Modus mit einem Fragezeichen. Handelt es sich um Geträumtes … oder doch nicht?

Harald Gröhler

 

Jeder Inhalt braucht seine Form. Steffen Marciniak hat für diesen phantastischen, uralten und doch auf heute übertragbaren Inhalt die sprachliche Form gefunden, die ihm angemessen ist. Ich spürte auf einmal beim Lesen die Wahrhaftigkeit, die Leidenschaft, die Sehnsucht und Begeisterung des erzählenden Autors, der sich in der mythologischen Welt der Griechen verliert und findet. Die Geschichte erzählt vom ewig Gleichen in unserem Dasein, von der
menschgegebenen Wiederkehr des mörderischen Siegens und Verlierens, die das kurze Gedicht von Goethe so treffend beschreibt („…. Amboss oder Hammer sein.“) Kyparissos, der Künstler, will sich diesem Gebot nicht fügen, er sieht es nicht ein. Sein Hader und seine unermessliche Trauer sind in dem Dialog mit Silvanus wundervoll nachvollziehbar erzählt, die Kapitel 6 und 7 müssten so in jedem Schulbuch zum Thema Ethik nachzulesen sein und Schüler und Lehrer zum Gespräch über die eigene Position in dieser Gesellschaft anregen.

Sigrun Casper

 

Kyparissos – welch schönes Buch! Ich finde, auch der zweite Band von Steffen Marciniak ist etwas ganz Besonderes. Die Sprache zergeht förmlich auf der Zunge und trägt einen fort, in längst vergangene, sagenumwobene Zeiten. Man mag unbedingt immer weiterlesen und zwingt sich dennoch, innezuhalten, dass Geschriebene zu spüren und Raum dafür zu schaffen, die Bilder, die im Kopf entstehen, bunt auszuschmücken. Qualitativ hochwertige Literatur, wie hier bewiesen, sie will genossen werden und nicht einfach konsumiert wie Fast-Food-Literatur. Umschlaggestaltung und Zeichnungen harmonisieren vollkommen mit dem Text. An dieser Stelle darf auch der Illustrator gelobt werden! So wünsche ich mir Bücher: Kurz und knackig, aber dennoch rund und gehaltvoll. Vielen herzlichen Dank dem Autor und ich freue mich auf Neues.

Matthias Bünemann

 

Dichter zu Harmodios und Aristogeiton oder das Ende der Tyrannis

 

Eine außergewöhnliche Geschichte, angesiedelt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen dem antiken Athen und den Elysischen Gefilden des griechischen Mythos, sich spielerisch zwischen beiden Welten bewegend. Wie der Held Harmodios fühlt sich der Leser zuweilen selbst in der Schwebe gehalten, in einen Traum versetzt. Denn selbst der geschichtliche Hintergrund des Tyrannenmords der Freunde Harmodios und Aristogeiton an Hipparchos ist weniger “Realität” als viel mehr Hintergrund für die Entfaltung einer reichen Skala von subtil beschriebenen Gefühlen, homoerotische Leidenschaft, Sehnsucht, Eifersucht, Hass, nacktes Entsetzen, körperlicher und seelischer Schmerz und zuletzt Glückseligkeit im Elysium. Die Geschichte entfaltet sich wie der Satz einer Symphonie mit ruhigen und dramatischen Partien in einer gewählten, musikalisch wirkenden Sprache. Ein sehr lohnendes, spannendes und emotional intensives Leseerlebnis!

Gerburg Tsekouras (2016)